Die

Fünf Stationen, vier Generationen, zwei Sprachen, ein falsch geschriebener Name. Von der ersten Kanzlei in Delft bis zum Taxistand in Kleve.

Kapitel 1 von 5, 1918

Der Anfang

Frederik Stokesteen eröffnet in Delft seine erste Kanzlei. Und bekommt dabei aus Versehen einen neuen Namen.

Frederik ist 29, trägt einen Bowler, den er nicht einmal vor Gericht abnimmt, und hat genau einen Mandanten: seinen Onkel. Trotzdem lässt er ein Schild malen. Ein großes.

Der Schildermaler, ein Herr Pütz aus Köln, kann Frederiks Handschrift nicht lesen. Aus Frederik Stokesteen wird Friedrich Stockstone. Ein neues Schild würde zwei Monatsmieten kosten. Seine Frau Aaltje sieht es sich lange an und sagt: Klinkt toch als een advocaat.

Das Schild kommt über die Tür von Hausnummer 12, direkt an der Gracht. Merk dir die Zahl. Dazu kommt: Frederiks verrückter Großcousin Jeremy ist nach Amerika ausgewandert und heißt dort ohnehin schon seit Jahren so, weil dort niemand Stokesteen aussprechen kann. Ein Jahr später heißt die Familie offiziell Stockstone. Das Schild hängt heute in Wessleys Büro in den USA. Schlicht, aber mit Stolz.

Frederik vor der Kanzlei in DelftDelft, 1918
Kanzlei Friedrich Stockstone gegründet 1918

Kapitel 2 von 5, 1945

Neuanfang

Nach dem Krieg ist die Kanzlei verloren. Übrig bleibt ein Schild und eine sehr gute Idee.

Die Räume sind weg, die Akten sind weg, das Ersparte auch. Das Schild mit dem Tippfehler fischt Aaltje eigenhändig aus der gracht.

Dann hat sie die Idee: Wenn die Leute nicht zur Kanzlei kommen können, kommt die Kanzlei eben zu den Leuten. Sie schraubt das Schild auf ein bakfiets, Frederik setzt sich mit Hut und Aktentasche in die Kiste, und los geht es.

Die rollende Kanzlei berät gegen Kartoffeln, Eier und einmal gegen eine Ziege namens Mevrouw Jansen. 1948 gibt es wieder ein Büro mit richtigen Wänden. Die Ziege bleibt trotzdem.

Die rollende Kanzlei auf dem BakfietsDelft, 1945

Kapitel 3 von 5, 1970

Wachstum

Henk übernimmt, verliert einen Käsestreit und zieht der Liebe wegen über die Grenze nach Kleve.

Henk Stockstone trägt orange Anzüge, Koteletten und die feste Überzeugung, dass man jeden Streit gewinnt, wenn man nur lange genug freundlich bleibt. 1970 übernimmt er die Kanzlei seines Vaters.

Im selben Jahr vertritt er einen Käsehändler in einem Streit um eine vertauschte Lieferung an der deutschen Grenze. Die Gegenseite: Gerda Hülsmann aus Kleve. Henk verliert den Fall und gewinnt Gerda. Drei Monate später heiraten die beiden vor dem Standesamt Kleve.

Dann wird es seltsam. Als Henk im Postamt Kleve seine neue Adresse anmeldet, gibt ihm der Beamte einen Brief. Abgeschickt 1952 von seiner Schwester Joke aus Toronto, adressiert an Familie Stockstone, Nassauerallee 12, Kleve. Dort wohnte nie ein Stockstone. Henk mietet das Haus noch am selben Tag. Seitdem steht die Kanzlei in Kleve, und die Familie spricht zwei Sprachen.

1974 folgt sein berühmtester Fall. Die Kuh Berta hatte 312 Tulpen des Nachbarn gefressen. Henk weist nach, dass der Zaun nachts versetzt worden war und die Tulpen damit auf Bertas Seite standen. Freispruch. Die Lokalzeitung bringt Henk und Berta, Ohrmarke 3578, auf die Titelseite.

Henk und die Kuh BertaHenk und Berta, 1974

Kapitel 4 von 5, 2000

Moderni­sierung

Mieke holt die Kanzlei ins Computerzeitalter. Und bereitet sich gründlich auf den Weltuntergang vor.

Marijke, genannt Mieke, steigt 1998 frisch vom Examen als dritte Juristin der Familie in die Kanzlei ein. Sie ist die erste, die weiß, wo an einem Computer der Einschaltknopf sitzt. Ihr Rechner heißt Bertus, wiegt 14 Kilo und brummt wie ein Kühlschrank.

Für Silvester 1999 rechnet Mieke fest mit dem Jahr-2000-Problem. Sie kauft ein Notstromaggregat, vier Kartons Kerzen und bestellt 400 Dosen erwtensoep. Geliefert werden 400 Dosen amerikanische Tomatensuppe. Mieke findet, für den Weltuntergang reicht das. Um Mitternacht passiert nichts. Jahrelang kommt die Suppe daraufhin bei jeder Familienfeier auf den Tisch. Seit 2026 wird der Rest rationiert: eine Dose pro Silvester. Es sind noch zwölf übrig.

2001 baut sie mit ihrem Mann Bernd die erste stockstone.de: komplett in Comic Sans, mit blinkender Tulpe und Besucherzähler. Die Seite, auf der du gerade bist, ist ihr sehr später Nachfolger.

Mieke mit den 400 DosenSilvester 1999

Kapitel 5 von 5, 2026

Heute

Wessley, Pascal und Werner schreiben weiter. Auf Deutsch, auf Niederländisch und meistens irgendwo dazwischen.

Die vierte Generation ist in Kleve aufgewachsen, zwanzig Minuten von der Grenze entfernt, und spricht eine Sprache, die sonst niemand spricht: halb Deutsch, halb Niederländisch, ganz Stockstone. Beim Sonntagsessen fällt regelmäßig der Satz: Dat is ja allemaal sehr gezellig hier.

Wessley hat die Kanzlei als vierter Jurist in vierter Generation übernommen, ist 2022 aber in die USA ausgewandert und arbeitet dort heute als Staatsanwalt. Seitdem führt Mieke die Kanzlei wieder, zwischen zwei Taubenschlägen. Werner fährt Taxi und bringt Fahrgäste über die Grenze und wieder zurück. Pascal malt Kühe in Delfter Blau und hatte 2024 seine erste Ausstellung: Berta, ongeveer.

Und Oma Gerda, 80, sitzt jeden Sonntag am Kopfende des Tischs, isst vom Delfter Geschirr ihrer Schwiegermutter und hat zu allem eine Meinung. Das Schild von 1918 hängt bei Wessley in Amerika. Die Suppe steht im Keller. Alles ist, wie es sein soll.

Werner mit seinem TaxiWerner und Berta II